#12 – Montessori im Alltag

Dieser Blogbeitrag ist der erste Teil einer vierteiligen Serie über die Pädagogik von Maria Montessori und wie du die Inhalte in deinen Erziehungsalltag mit deinem Kind integrieren kannst. Ich werde dir die Theorie so anschaulich wie möglich erklären. Solltest du mehr Informationen oder eine individuellere Lösung benötigen dann kontaktiere mich gern.

Zunächst möchte ich dir jedoch kurz etwas über das Leben dieser einzigartigen Pädagogin erzählen.

Maria Montessori wurde 1870 als einziges Kind einer gut bürgerlichen Familie in Rom geboren. Als junge Frau war es ihr Wunsch Medizin zu studieren, was zu der Zeit schon sehr ungewöhnlich war. Sie wurde dann mit Abschluss ihres Studium die erste Ärztin Italiens und dadurch schon eine Berühmtheit.
Sie arbeitete viel mit behinderten Kindern, wollte mit ihnen ganz anders umgehen als es die damaligen Gegebenheiten vorsahen und entwickelte ein erstes pädagogisches Konzept. Daraus entstand dann eine Versuchsschule, in der die Kinder unterrichtet wurden. Diese „neue“ Art mit diesen Kindern leben und zu lernen wurde zu einem großen Erfolg.

Leider machten aber auch Schicksalsschläge vor ihrem erfolgreichen Leben nicht halt. Sie wurde schwanger und bekam ein uneheliches Kind, welches sie schweren Herzens zur Adoption freigab. In der damaligen Zeit war es unmöglich ein Kind außerhalb der Ehe aufzuziehen. Das wollte Montessori weder ihrem Kind noch sich selbst zumuten. Durch diese Trennung entwickelte sich bei ihr jedoch eine besondere Sensibilität, anderen Kindern und ihren Bedürfnissen gegenüber.
Nachdem Maria Montessori ihr Konzept weiter ausgebaut hatte, eröffnete sie eine Haus für herumstreunende Kinder. Sie arbeitete und lebte mit ihnen dort. Dieses Konzept, Kinder genau zu beobachten und mit ihnen nach ihren Bedürfnissen zu leben war einzigartig und verbreitete sich schnell in Italien und später auch auf der ganzen Welt.

Das klingt kompliziert? Keine Angst. Das Konzept der Pädagogik von Maria Montessori ist im Grunde ganz simpel. Man muss nur einige Dinge beachten und verstehen. Maria Montessori sieht das Kind ganzheitlich ohne Trennung von Persönlichkeit, Entwicklung und kognitivem Lernen an. Für sie gehören alle Dinge, wie bei einem Puzzle, zusammen.
Die Eckpfeiler sind
a) ein unbewusstes Streben nach Selbständigkeit
b) eine natürliche Abhängigkeit von uns Erwachsenen

Je jünger die Kinder sind, umso abhängiger sind sie von uns und je älter sie werden, desto mehr streben sie nach Selbständigkeit. Dies zu erkennen und den Kindern den nötigen Freiraum zu geben und eine große Portion Vertrauen in ihre Fähigkeiten zu haben, ist die große Kunst ihrer Pädagogik.
Jedes Kind sollte die Möglichkeit haben, nach seinem eigenen Bauplan und in seinem individuellen Lernprozess, eigenverantwortlich und mit selbst gewählten Aufgaben zu lernen. „Hilf mir, es selbst zu tun“, ist zu einem Leitspruch ihrer Pädagogik geworden. Dabei hat ein Kind diesen berühmten Satz zu ihr gesagt.

Freiraum und Vertrauen als Eckpfeiler unterstützen das Lernen. Und nun erkläre ich dir, wie die Kinder sich Inhalte aneignen. Das Lernen erfolgt, je nach Alter, in sogenannten sensiblen Phasen. Das sind Bereiche im Leben der Kinder, in denen sie besonders empfänglich für bestimmte Lerninhalte sind. Ich möchte das hier als offenes Fenster bezeichnen. Diese offenen Fenster hängen wiederum mit dem ganz persönlichen Bauplan der Kinder zusammen. Ein Beispiel wird dir das verdeutlichen. Wenn Mäxchen bereits mit 4 Monaten krabbelt und Moritz daran noch gar kein Interesse hat, dann liegt das daran das bei Mäxchen dieser Entwicklungsschritt bereits dran war, das Fenster bereits offen ist. Bei Moritz hingegen noch nicht. Er befindet sich womöglich in einer ganz anderen sensiblen Phase und hat ein ganz anderes Fenster offen. Es macht also keinen Sinn, sich als Mutter damit zu stressen, dem Moritz das Krabbeln beizubringen, damit er wie Mäxchen bitte auch ganz schnell das Krabbeln erlerne. Er ist momentan für die Inhalte noch gar nicht empfänglich. Das Fenster wird in seinem Bauplan zu einem späteren Zeitpunkt aufgehen.
Dieses Konzept kann man beliebig auf jedes Kind und auf jeden Lerninhalt übertragen.

Wie ein Kind lernt und welche Entwicklungsschritte und Lernphasen bei ihm gerade dran sind, kann man nur durch gezielte Beobachtung herausfinden. Die gute Nachricht dabei ist, dass dies jeder kann und dass die Kinder ganz von allein die Inhalte lernen bzw. danach verlangen. Wir müssen nur hinschauen und vertrauen in ihre Fähigkeiten haben.

Zur Unterstützung kann man die Inhalte der sensiblen Phasen (offene Fenster) aber auch zusätzlich noch grob in folgende Bereiche unterteilen:
1) 0-3 Jahre: Motorik, Sprache, äußere Ordnung, Verfeinerung der Sinne
2) 3-6 Jahre: Verfeinerung der Motorik, Verfeinerung der Sinne, Sprache, Orientierung in der Welt
3) 6-10 Jahre: Verfeinerung der Motorik, Sprache, innere Ordnung, Orientierung in der Welt, Wissenschaften
4) 10- ? Jahre: Orientierung in der Welt, Ich – Wir, Politik

Wenn du nun aber herausgefunden hast, in welcher sensiblen Phasen sich dein Kind befindet und welchen Entwicklungsschritt es gerade vollziehen möchte, dann ist es nach Montessori auch deine Aufgabe als Elternteil, die Umgebung deines Kindes so zu gestalten, dass die Inhalte so gut wie möglich erlernt werden können. Alles über eine geeignete Lernumgebung kannst du gern in meinem nächsten Teil lesen.

Schau auf dich und bleib gesund