#14 – Montessori – Erziehung ohne Belohnung und Bestrafung

Es ist ein wichtiger Grundsatz in der Montessori-Pädagogik, sowohl auf Belohnung als auch auf Strafe weitgehend zu verzichten.

Was aber steht hinter dieser Haltung? Ist es nicht wichtig, Kinder manchmal zu belohnen, um sie zu motivieren? Und sind Strafen nicht unverzichtbar, wenn Regeln und Grenzen nicht eingehalten werden, um die Kinder in ihre Schranken zu weisen? Diesen und anderen Fragen wollen wir auf den Grund gehen.

Wie gehen wir mit Lob um?

Ein 1,5 Jahre altes Kind hat zum ersten Mal einen Turm aus Bauklötzen gebaut. Er ist fast so groß, wie es selbst und seine Mutter sagt dazu: „Das hast du aber toll gemacht“ und klatscht ihm Beifall. Das Kind strahlt seine Mama an und klatscht ebenfalls. Diese Szene kann man in den meisten Haushalten heutzutage beobachten. Schon ganz kleine Kinder übernehmen das Klatschen, den Beifall und den Lob von uns Erwachsenen und belohnen sich oft schon selbst damit. Aber ist nicht die eigentliche Tätigkeit, etwas geschafft zu haben, an sich schon Freude genug. Ist das Lob nicht eigentlich eine Bewertung dessen, was das Kind geschafft hat?

Maria Montessori meint dazu:
„Preise und Strafen sind Anregungen zu unnatürlicher oder erzwungener Bemühung, und deshalb können wir in diesem Zusammenhang nicht von der natürlichen Entwicklung des Kindes sprechen.“

Kinder fangen nämlich an Dinge nur zu tun, um dafür ein Lob oder eine Belohnung zu erhalten. Das wird dann zu ihrem Motor, zu ihrer Motivation. Das Lernen aus reiner Neugier und Wissensfreude geht verloren. Sie sind dann nicht stolz auf sich selbst oder glücklich, etwas entdeckt zu haben, sondern nur zufrieden wenn sie die angemessene Belohnung erhalten. Forscher haben beobachtet, dass diese gut gemeinte Art der Motivation genau den gegenteiligen Effekt hat: Das Kind gibt sich langfristig weniger Mühe. Doch wie kann das sein?
Das Problem, sagt der Sozialwissenschaftler Alfie Kohn, ist gerade die Verknüpfung der Handlung mit Lob. Kinder, die zum Beispiel dafür gelobt oder belohnt wurden, etwas Nettes zu tun, „neigen dazu, ihr Verhalten auf diese Belohnung  zurückzuführen. Wenn kein Lohn mehr zu erwarten ist, helfen sie nachweislich weniger oft als Kinder, die von Anfang an keinen Lohn dafür bekamen.“ Erreicht wird also das Gegenteil eines guten Sozialverhaltens. Das Kind schaut nur auf die Folgen seines Verhaltens auf sich selbst, anstatt darauf, welche Auswirkungen es auf Andere hat.

Ähnlich verhält es sich auch mit kleinen Aufgaben oder Hilfestellungen, die das Kind zu Hause übernehmen kann. Teil einer Familie zu sein und Aufgaben zu übernehmen gehört zum Leben dazu. Helfen zu wollen und etwas für die Gemeinschaft beitragen zu können gehört zu den natürlichen Bedürfnissen des Kindes. Dies sollte bei den Kindern von Beginn an tief verankert werden. Eine Belohnung als äußerer Anreiz ist dann gar nicht notwendig, weil die Kinder es aus einer Natürlichkeit heraus tun. Eine achtsame Wertschätzung und aufmerksame Anerkennung ist der bessere Weg als eine materielle Belohnung.

Sind Belohnungen wichtig?

Dazu müssen wir uns anschauen, wie unser Alltag aussieht und warum uns dann oft wichtig erscheint. Wie erziehen wir unsere Kinder?
„Komm sofort rein!“ – „Sei still, ich muss arbeiten!“ – „Tu, was ich dir sage!“ – „Zieh dich an!“ – „Entschuldige dich auf der Stelle!“ So oder ähnlich lauten die Befehle, die wir unseren Kindern, oft in dichter Abfolge, erteilen. Wir sind als Eltern ständig gestresst und dulden viel zu oft keinen Aufschub, erwarten prompten Gehorsam. In unserer schnellen Welt.

In aller Regel versuchen wir als Erwachsene, als Eltern, zu erreichen, dass unsere Kinder in bestimmten Situationen das tun, was wir von ihnen fordern und was wir für richtig halten. Doch nur sehr selten haben wir damit Erfolg; die Kinder hören nicht und man muss ihnen alles drei Mal sagen. Und wenn sie dann immer noch nicht das machen, was sie machen sollen, sagen wir es noch mal etwas lauter, ärgerlich – schließlich ist auch unsere Geduld am Ende. Entweder wir stellen eine Belohnung in Aussicht oder aber – wahrscheinlicher in diesem Stadium – wir schreien die Kinder an, wir drohen mit Strafen und strafen schließlich mit mehr oder minder offener Gewaltanwendung. Es kommt zu einem offenen Kampf zwischen dem Erwachsenen und dem Kind. Und unser Kind versucht sich mit allen Mitteln dagegen zur Wehr zu setzen, schreit, brüllt, schmeißt sich auf den Boden, etc..

Die meisten von euch fühlen sich in solchen Situationen hilflos und überfordert und wollen diesen Kampf auf keinen Fall weiterführen. Denn diese Situationen sind weder für uns noch für unsere Kinder besonders angenehm. Um solche Kämpfe zu umgehen setzen wir eine Motivation ein, damit sich unsere Kinder gut benehmen. Die Belohnung! Aber eigentlich ist es keine Motivation für gutes Verhalten, sondern ein Missbrauch unserer elterlichen Macht.

Belohnungsmethoden funktionieren auch tatsächlich. Aber meist nur für kurze Zeit. Danach stellen sich die Kinder darauf ein, sie ignorieren entweder das System oder fordern eine immer größere Belohnung. Was dann? Wie dann weiter machen?

Ein anderes Problem ist, dass die Belohnungs-Methode logischerweise nach Bestrafung verlangt, wenn die Belohnung nicht mehr funktioniert. Aber das ist nicht die offizielle Version. Viele Eltern sehen zunächst nur die eine Seite und landen dann trotzdem bei der Zuckerbrot-und-Peitsche-Methode.

Das ist dann eine Spirale, aus der wir nur schwer wieder hinauskommen.

Maria Montessori plädiert für ein fundamentales Umdenken: Statt der meistens vollkommen wirkungslosen direkten Einflussnahme auf das Verhalten des Kindes sollten wir versuchen, das störende Verhalten des Kindes indirekt zu beeinflussen. Wie das genau funktionieren kann und welche Theorie dahinter steckt, möchte ich euch gern näher erklären.

Grundgedanken der Montessori-Pädagogik

Maria Montessori sieht das Kind von Geburt an als eigenständige Person, die sich einem inneren Bauplan gemäß entwickelt. Nicht Erwachsene formen das Kind, sondern es ist allein das Kind, das die gewaltige Entwicklungsarbeit leistet: „Das Kind ist der Baumeister des Menschen

Erziehende und vor allem auch wir als Eltern können das Kind in diesem Prozess lediglich unterstützen und sollten uns dessen in aller Bescheidenheit bewusst sein. Unsere Aufgabe besteht vor allem darin, die Kinder genau zu beobachten und herauszufinden, was und welche Unterstützung sie gerade benötigen. Um dann im Anschluss die Umgebung nach den Bedürfnissen der Kinder zu gestalten, sie in den Umgang mit verschiedenen Materialien einzuführen, sich aber zurückzuhalten, sobald die Kinder selbst tätig geworden sind. Dabei gilt stets ihr Grundsatz: „Hilf mir, es selbst zu tun.“

Zeit und Ruhe sind dabei ein entscheidender Faktor.

Montessoris Theorie zeigt und, dass es einen Weg abseits von Lob und Belohnung gibt, indem wir Kinder bedingungslos lieben und sie statt zu loben, ermutige. Die Montessori-Philosophie zu leben bedeutet, dass wir unsere Kinder zur Unabhängigkeit von uns erziehen. Nicht nur im Handeln, sondern auch im Denken. Wir wollen, dass sie stolz auf sich selbst sind, dass sie das, was sie tun, in erster Linie für sich selbst tun, weil sie Freude daran haben. 

Aber wie kann man das umsetzen? Ganz einfach: dem Kind Aufmerksamkeit zu geben! Denn sie ist es, die der Nachwuchs sich wirklich wünscht, wenn er ruft: „Mama, Papa, guckt mal!“ Die beste Antwort auf diesen Ruf ist deshalb: „Ja, ich seh‘ dich!“ Der erste Bauklotzturm, der nicht umfällt oder ein selbst gemaltes Bild werden dagegen am besten gewürdigt, indem man auf Details eingeht: „Der Turm ist ja fast so hoch wie du, wenn du sitzt!“ oder „Ah, das Haus, das du gemalt hast, hat zwei Stockwerke.“ Auf Schulnoten kann man ähnlich reagieren: „Diese Aufgaben waren ganz schön kniffelig. Ich freu‘ mich mit dir, dass du sie geknackt hast!“ Wer bisher reflexhaft gelobt hat, wird erstaunt feststellen, dass das Kind damit vollkommen zufrieden ist.

Beschreibe was du siehst, fühlst, denkst und bewerte das Tun und die Arbeit deines Kindes nicht. Dann kann Raum für Kommunikation und eigens Stolz sein bei den Kindern entstehen. Echte Wertschätzung entsteht. ‚Du hast es geschafft und weißt jetzt, wie das geht. Ist ein wichtiger Begleitsatz dabei. Gerade bei den ersten Versuchen des Anziehens oder bei Aktivitäten, die wir sonst nur Belächeln macht dies bei den Kindern einen enormen Unterschied.

Auf Lob zu verzichten bedeutet dabei keinesfalls, das Tun und die Aktivitäten und Werke der Kinder nicht anzuerkennen. Im Gegenteil. Es bedeutet, sich genau zu überlegen, was man sagt und was es bei den Kindern auslöst und hinterlässt.

Bestrafung

Soweit so gut – aber was sagt Montessori dazu, wenn das Kind sich an keine Regeln und Grenzen hält, wenn es förmlich nach einer Bestrafung schreit und wir es nicht bändigen können?
Wie reagieren wir als Eltern, wenn unser Kind ein nicht angemessenes oder nicht gewünschtes abweichendes Verhalten zeigt? Körperliche Bestrafungen finden ja zu einem großen Teil nicht mehr statt. Die häufigste Reaktion ist es jedoch, mit Konsequenzen zu drohen. Schließlich muss ein Kind lernen, dass seine Handlungen Folgen haben, und mit Strafe hat das doch nun wirklich nichts zu tun, oder?
Wir Eltern sind davon überzeigt, dass es unmöglich ist, ein Kind ohne Strafe zu erziehen. Die meisten setzen noch immer auf Einschüchterung. Andere setzen eher auf natürlich Konsequenzen. Auf eine natürliche Abfolge seines Verhaltens, als natürliche Eigenbestrafung.

Leider jedoch, fanden Wissenschaftler der Universität Boston heraus, dass es für ein Kind keinen Unterschied mache, ob die „Konsequenz“ in einem Sinnzusammenhang zu seinem Verhalten stehe oder nicht. Es bekomme immer den Eindruck, dass Mama oder Papa nur deshalb Recht haben, weil sie die Mächtigeren sind. Egal ob Bestrafung oder natürliche Konsequenz. Beides führe nicht dazu, dass das Kind eigenständig lerne über sein Verhalten nachzudenken und es eigenständig zu ändern.

Wenn wir unsere trödelnden Kinder zu spät kommen lassen oder sie draußen frieren lassen, weil sie keine Jacke anziehen wollten, lassen wir sie im Stick. Wir bringen ihnen bei, dass wir Erwachsenen mit unserem Weitblick hätten helfen können, es aber nicht getan haben und nur zugesehen haben. Wir bestrafen sie also mit den Konsequenzen, die wir vorab schon geahnt haben.

Auch die populäre Auszeit zeigt sich beim näheren Hinschauen als Bestrafung, wenn das Kind mit seiner Wut, seinem Verhalten und seinen Gefühlen allein gelassen und ausgeschlossen wird. Es lernt daraus, dass es nur geliebt wird, wenn es das macht was Mama und Papa sagen und dass sein wahres Ich und seine wahren Gefühle eben nicht geliebt und geachtet werden. Wollen wir das? Oder haben wir nur keine Idee, was wir sonst machen sollen?

Oft ist es einfach Zeitmangel, die uns dazu verleiten zu Strafen und Konsequenzen zu greifen. Das Kind soll rasch gehorchen, damit der Alltag reibungslos weiterläuft. Doch das langfristige Ziel, ein selbstbewusstes Kind mit starker Persönlichkeit zu bekommen, wird dadurch nicht erreicht. Gehorsam führt zu Unterwürfigkeit.

Montessori hat dazu ein Konzept entwickelt und es ist verblüffend einfach: Aggressivität, Rebellion, Zornesausbrüche, Trägheit, Lügen und Stehlen (die Liste ließe sich fortsetzen) sind nicht etwa Ausdruck eines schlechten Charakters, sondern als Hilferufe zu verstehen.

Was können wir also tun?

Der Normalisationsprozess kann nach Montessoris Verständnis nur durch fundamentales Umdenken eingeleitet werden: „Das Einzige, was wir wirklich tun müssen, ist, unsere Grundhaltung gegenüber dem Kind zu ändern und es zu lieben mit einer Liebe, die an seine Personalität glaubt und daran, dass es gut ist; die nicht seine Fehler, sondern seine Tugenden sieht, die es nicht unterdrückt, sondern es ermutigt und ihm Freiheit gibt“

Liebe und Achtung werden als Grundprinzip akzeptiert. Aber geht es wirklich ohne Ermahnungen und Strafen? Ohne ein deutliches Wort an der richtigen Stelle? Man muss doch den Kindern klare Grenzen setzen – oder?

Die Notwendigkeit der klaren Grenzsetzungen wird von Montessori gar nicht bestritten, und sie ermutigt uns durchzugreifen: „Fürchtet Euch nicht davor, das Schlechte zu zerstören. Wir müssen uns nur fürchten, das Gute zu zerstören“

Wenn wir Strafe gänzlich aus unserem Erziehungsrepertoire streichen, was können wir stattdessen tun, um ein Kind oder eine Gruppe von Kindern zu normalisieren? Dazu Maria Montessori in einem 1946 gehaltenen Vortrag: „Wir mögen alle Mittel gebrauchen, die wir besitzen, um die Aufmerksamkeit der Kinder anzuziehen. Ihre Aufmerksamkeit wird durch Aktivität angezogen. Lassen Sie ihnen Tätigkeit, und ziehen Sie sie durch liebevolle Freundlichkeit an“.

Annregen, Ermunterung, Ermutigung, Anreize, in Stimmung versetzen, Lust zu etwas wecken, sind hier die Zauberworte für eine gelungene Erziehung. Das zeigte uns schon Marry Poppins mit ihrem Aufräumlied: Wenn ein Löffelchen voll Zucker…! Dabei sei es jedoch wichtig, dass der Erwachsene nicht passiv bleibe. Dann würden wir in eine Hilflosigkeit geraten, die tatenlos dem Chaos zuschaue und ab und zu mit Strafen daherkäme.

Aktivität der Eltern ist demnach in dieser Phase besonders wichtig. Hinzu kommt Montessoris Aufforderung, die Summe der Verbote, die wir in der Familie aussprechen, auf einen selbstkritischen Prüfstand zu stellen. Wenn wir nur das verbieten, „was die anderen kränken oder ihnen schaden kann“ und ihnen „jede Äußerung erlauben, die einen nützlichen Zweck verfolgt, ganz gleich welcher Art und Form, könnten wir auf viele Verbote, Strafandrohungen und auf viele Strafen verzichten.

Ihr müsst aber nicht meinen, dass dies ein einfacher Weg ist und auf Anhieb gelingt. Ihr benötigt viel Liebe, Geduld und Durchhaltevermögen. Gebt nicht auf, wenn es mal nicht funktioniert. Rückschläge und Fehler gehören nach Montessori zum Lernen dazu und lassen auch uns wachsen.

Strafe hält Montessori in dieser Phase, mehr noch als in der vorausgehenden, für überflüssig, denn ein Kind, das gelernt hat, die Dinge in seiner Umwelt zu achten und zu pflegen, wird bereits selbst betroffen über eine misslungene Handlung sein.

Wie kann das in der Praxis aussehen?

Aber wie können Eltern denn nun besser reagieren, wenn der Nachwuchs sich verweigert, mit dem Geschwister zankt oder morgens endlos trödelt?  Nur den Unwissenden macht es im ersten Moment hilflos.

Die oberste Regel ist: ein Mensch ist eher motiviert, eine Entscheidung in die Tat umzusetzen, an der er beteiligt war, als eine, die ihm von anderen aufgezwungen worden ist“, betont der Psychologe Thomas Gordon. Kurz: Wir sollten Kindern Verantwortung geben und sie an den Regeln und Grenzen in unserer Familie beteiligen. Der Prozess führt dann schon dazu, dass die Kinder die Inhalte eher verinnerlichen, weil sie sie Schritt für Schritt mit erarbeitet haben oder sogar mitbestimmt haben.

Grundregeln dabei sind:

  1. Aktives Zuhören, also wirklich hinhören mit allen Sinnen. Und dann beschreiben, was man wahr nimmt und ggf. in einer Frage formulieren. z.B. ich nehme wahr, dass du wütend bist, stimmt das?
  2. Ich-Botschaften senden, also immer von einem selbst ausgehen. Z.B. Ich finde es toll, dass du mir hilfst / dein Zimmer aufgeräumt hast oder ich wäre froh, wenn du mit mir kommst.
  3. Vertrauen, Akzeptanz dem Gegenüber zeigen. Spürbar machen, dass man sein Gegenüber schätzt und akzeptiert, Vertrauen aufbauen und wachsen lassen.
  4. Offenheit

Viel Spaß beim Ausprobieren der Inhalte!

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